Gefangen in der Tiefzinsfalle
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Trotz großer Risiken bleibt die Europäische Zentralbank bei ihrer Niedrigzinspolitik. Sie ist gefangen in einem Teufelskreis, der die Normalisierung der Zinssituation zunehmend erschwert.

Die expansive Geldpolitik der letzten Jahre bescherte uns die längste Wachstumsphase seit der Wiedervereinigung. Doch die schöne neue Welt der extremen Tiefzinsen hat gefährliche Schattenseiten, wie wir im Artikel „Negativzinsen – das neue Perpetuum mobile?“ aufzeigten. Sie führt zu Fehlinvestitionen, destabilisiert das Bankensystem und beeinträchtigt den Spielraum der Europäischen Zentralbank bei künftigen Krisen. Weshalb also zögern die Währungshüter, auf den Pfad der geldpolitischen Tugend zurückzukehren?

Platzende Blasen und destabilisierte Banken

Leider ist der Weg zurück in die Normalität mit erheblichen Schwierigkeiten gepflastert, wobei die Probleme nicht für alle Mitglieder der Eurozone dieselben sind. Beginnen wir in Deutschland. Hierzulande entstanden in den letzten Jahren erhebliche Preisblasen, vor allem auf den Anleihen- und Immobilienmärkten. Steigende Zinsen könnten diese Blasen zum Platzen bringen. Dadurch gerieten einige Banken ins Schlingern, zumal die Finanzindustrie derzeit ohnehin unter geringer Profitabilität leidet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Finanzinstitute in den vergangenen Jahren ihre Risikovorsorge im Kreditgeschäft vernachlässigten, wie die Bundesbank im letztjährigen Finanzstabilitätsbericht monierte.

Eine destabilisierende Wirkung auf das Bankensystem hätten neben dem Platzen von Preisblasen auch die höheren Zinsen selbst. Banken wandeln kurzfristige Spareinlagen in langfristige Kredite um. Sie spüren höhere Zinsen darum sofort in Form eines steigenden Refinanzierungsaufwandes. Steigende Einnahmen aus dem Kreditgeschäft folgen erst deutlich später. Verschärft wird dieser Effekt durch eine erhebliche Zunahme langfristiger Zinsbindungen. Lag der Anteil der Wohnungsbaukredite mit einer Zinsbindungsdauer von über zehn Jahren 2010 noch bei einem Viertel, sind es heute bereits mehr als 45 Prozent. Da Sparkassen und Genossenschaftsbanken rund drei Viertel ihrer Erträge im Zinsdifferenzgeschäft verdienen, würden sie unter einer Zinserhöhung besonders stark leiden.

Gefahr einer erneuten Eurokrise

Es ist jedoch nicht die Sorge um den deutschen Immobilienmarkt oder die Sparkassen, die die Europäische Zentralbank am meisten beschäftigt. Das Hauptaugenmerk der Notenbanker gilt den hoch verschuldeten Volkswirtschaften im Süden. In Griechenland lag die Staatsverschuldung letztes Jahr bei 181 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in Italien bei 132 Prozent. Auch Frankreich überschritt mit fast 99 Prozent die Maastricht-Obergrenze um mehr als die Hälfte. Bei einem Zinsanstieg von einem Prozent würde sich beispielsweise der Schuldendienst von Italien um rund 23 Milliarden Euro verteuern.

Gleichzeitig hätten höhere Zinsen einen dämpfenden Effekt auf die Inflation und das Wirtschaftswachstum. Die Inflations- und Wachstumswerte sind aber jetzt schon bescheiden. Im März lag die Teuerung im gesamten Euroraum bei 1,4 Prozent, in den südeuropäischen Volkswirtschaften war sie tiefer. Italien verzeichnete im vierten Quartal des vergangenen Jahres ein Nullwachstum. In der gesamten Währungsunion dümpelte das Wirtschaftswachstum bei 1,2 Prozent vor sich hin. Würde die EZB unter diesen Umständen die Zinsen erhöhen, wären Länder wie Italien oder Griechenland schnell wieder mit der Frage nach ihrer Schuldentragfähigkeit konfrontiert. Ein erneutes Aufflammen der Eurokrise wäre kaum zu verhindern.

Tiefzinsen fördern Zombies

Allerdings hat die lockere Geldpolitik der vergangenen Jahre in keinem der südeuropäischen Länder zu einem substanziellen Abbau der Staatsschulden geführt. Ein starkes Wachstum, das die Tragfähigkeit der Schulden spürbar erleichtert hätte, fand ebenso wenig statt. Vielmehr verleitete die hohe Verfügbarkeit von billigem Geld die Politik dazu, unpopuläre Reformen auf die lange Bank zu schieben. Italiens populistische Regierung ging gar so weit, eine Rentenreform aus dem Jahr 2012 rückgängig zu machen und das Renteneintrittsalter für Männer von 65 auf 62 zu senken.

Vom Reformstau abgesehen fördert das aktuelle Zinsumfeld das Überleben von Zombiefirmen. Zombiefirmen sind Unternehmen, die ihre Schulden nur bedienen können, indem sie neue Schulden machen. Sie schaden der Wirtschaft, weil sie Kapital und Arbeitskräfte binden, die besser in wirtschaftlich gesunden Unternehmen verwendet würden. Dass sie dazu in der Lage sind, hängt nicht zuletzt mit der derzeitigen Schwäche der Finanzindustrie zusammen. Banken, die Mühe haben, ihre eigenen Kapitalkosten zu erwirtschaften, haben kein Interesse, Zombies fallen zu lassen. Denn durch die Abschreibung fauler Kredite gerieten sie selbst in Schwierigkeiten. Zombiefirmen sind im Übrigen nicht bloß ein Phänomen des Südens. Sogar in Deutschland gehören gemäß einem Artikel von Handelsblatt sieben Prozent aller Unternehmen zu den Untoten.

Krisentaugliches Finanzierungskonzept erforderlich

Tiefe Zinsen verursachen Blasen, beeinträchtigen die Ertragslage der Banken, verhindern langfristiges Wachstum und fördern das Überleben finanziell angeschlagener Unternehmen. Eine Zinserhöhung bringt die Blasen zum Platzen, beeinträchtigt die Ertragslage der Banken zusätzlich und führt zu einer Zinslast, die für hoch verschuldete Staaten und Unternehmen nicht mehr tragbar ist. Ein Teufelskreis, dem wir nicht so einfach wieder entrinnen werden. Sofern sich nichts ereignet, was die Wachstums- und Inflationsaussichten grundlegend verändert, dürfte die EZB deshalb mit der Zinswende noch länger zuwarten. Auch die amerikanische Notenbank verzichtet momentan auf weitere Leitzinserhöhungen und die Japaner sind bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Tiefzinsfalle gefangen.

Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns auf ein Fortdauern der aktuellen Zinssituation und die damit verbundenen Risiken einzustellen. Mit schweren Krisen des Finanzsystems ist zu rechnen. Kleine und mittlere Unternehmen sollten daher trotz günstiger Kreditzinsen ihr Eigenkapitalpolster stärken und die Abhängigkeit von der Hausbank reduzieren. Zu diesem Zweck eignen sich insbesondere alternative Finanzierungsinstrumente wie FactoringFinetrading und Leasing sowie die Aufnahme von Mezzanine-Kapital. Gerne erarbeiten wir mit Ihnen zusammen ein krisentaugliches Finanzierungskonzept und vermitteln Ihnen die dazu passenden Finanzierungspartner.

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