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Infiziert das Coronavirus die deutsche Wirtschaft?

Coronavirus

Im letzten Jahr schrammte Deutschland knapp an einer Rezession vorbei. Nun droht neues Ungemach: Das Coronavirus könnte der hiesigen Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen.

Über 100.000 Infizierte und 4.000 Tote. Das ist die vorläufige Bilanz der Coronavirus-Epidemie. Die meisten Ansteckungen fanden auf dem chinesischen Festland statt. Doch die als Covid-19 bezeichnete Krankheit hat mittlerweile auch Europa im Griff. Besonders viele Krankheitsfälle gibt es in Italien, das deshalb zu drastischen Quarantänemaßnahmen greift. In Deutschland sind ebenfalls mehr als tausend Personen am neuartigen Coronavirus erkrankt.

Größtes Konjunkturrisiko seit der Finanzkrise

Noch lassen sich die Auswirkungen von Covid-19 auf die Wirtschaft kaum abschätzen. Für die OECD ist jedoch klar: Das Coronavirus stellt das größte Konjunkturrisiko seit der Finanzkrise dar. Die Experten der Wirtschaftsorganisation befürchten, dass sich das globale Wachstum dieses Jahr gegenüber 2019 auf 1,5 Prozent halbiert. Am meisten belastet Covid-19 natürlich China, wo die Krankheit ihren Ausgang nahm. 2003, als das Land von der SARS-Epidemie getroffen wurde, ging die chinesische Wirtschaftsleistung um einen Prozentpunkt zurück. Diesmal dürfte der Rückgang stärker sein, denn das Coronavirus trifft eine bereits geschwächte Volkswirtschaft.

Produktionsausfälle in China

Auch die weltwirtschaftlichen Auswirkungen sind wahrscheinlich größer, zumal Chinas Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung in den letzten 17 Jahren massiv zugenommen hat. Im Jahr 2003 lag er kaufkraftbereinigt bei 8,7 Prozent. Heute ist das Land für ein knappes Fünftel des Welt-Bruttoninlandsprodukts verantwortlich. Gerade für die deutsche Wirtschaft hat China große Bedeutung, ist das Land der Morgenröte doch der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik. Wichtig ist der chinesische Markt insbesondere für die deutsche Autoindustrie. BMW und Mercedes setzten 2019 ein knappes Drittel ihrer Pkws im Reich der Mitte ab. Bei Volkswagen waren es sogar mehr als 50 Prozent. Ein Einbruch der chinesischen Konjunktur würde die deutsche Wirtschaft daher empfindlich treffen.

 

Die wirtschaftliche Bedeutung Chinas beschränkt sich allerdings nicht auf den Absatzmarkt. Viele deutsche Industrieunternehmen haben dort in den letzten Jahren Werke eröffnet. Dadurch sind sie von krankheitsbedingten Produktionsausfällen und Werksschließungen unmittelbar betroffen. Zudem ist die Volksrepublik stark in internationale Lieferketten eingebunden. Im Moment liegt die chinesische Produktion bei 60 bis 80 Prozent ihrer Kapazität und an den chinesischen Frachthäfen herrscht Chaos. Dies führt zu Lieferengpässen. So musste Apple am 17. Februar eine Gewinnwarnung veröffentlichen, weil seine chinesischen Produktionspartner derzeit nicht genügend iPhones herstellen können.

Covid-19 in Deutschland angekommen

Die Probleme, mit denen die deutsche Wirtschaft in den kommenden Wochen und Monaten konfrontiert sein wird, kommen indes nicht ausschließlich aus Fernost. Denn Covid-19 ist in Europa angekommen. Die Ausbreitung der Viruserkrankung lässt sich durch gezielte Vorkehrungen höchstens verlangsamen, nicht aber verhindern. Folglich müssen deutsche Unternehmen in nächster Zeit mit einer starken Zunahme krankheitsbedingter Absenzen rechnen. Negative Auswirkungen werden überdies von behördlichen Vorsichtsmaßnahmen wie Quarantänen, Betriebsschließungen, Veranstaltungsverboten oder Grenzkontrollen ausgehen. Darunter wird neben dem Tourismus vor allem die ohnehin angeschlagene Industrie leiden.

Bringt das Coronavirus die weltweite Schuldenblase zum Platzen?

Nachdem die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr nur knapp einer Rezession entging, sind dies keine guten Nachrichten. Erst recht gefährlich wird die Situation vor dem Hintergrund der globalen Schuldenblase, die dank der anhaltenden Tiefzinsen immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Nach Schätzungen der Ratingagentur Standard & Poor’s werden die weltweiten Staatsschulden Ende 2020 bei 53 Billionen US-Dollar liegen und damit 60 Prozent der Weltwirtschaftsleistung ausmachen. Allein in diesem Jahr soll die Staatsverschuldung um 5 Prozent zulegen. Das weltweite Wirtschaftswachstum wird gemäß Prognose der Weltbank – ohne Berücksichtigung der Covid-19-Pandemie! – bloß halb so hoch ausfallen.

 

Eine durch das Coronavirus verursachte Rezession könnte die globale Schuldenblase zum Platzen bringen. Davon wären nicht zuletzt die deutschen Banken betroffen. Bereits heute, nach zehn Jahren mit praktisch ununterbrochenem Wirtschaftswachstum, leiden sie unter beträchtlichen Ertragsproblemen. Wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Bain & Company zeigt, erwirtschaftet derzeit lediglich jedes siebte Finanzinstitut die Kosten seines Eigenkapitals. Laut den Studienautoren reicht schon eine leichte Eintrübung der Wirtschaftslage, damit sich die Eigenkapitalrendite von heute 1,0 Prozent auf 0,5 Prozent halbiert. Dadurch würde die Gesamtrendite der deutschen Banken in den Negativbereich kippen. Die Folge wäre eine Finanzkrise.

Pandemieplan erstellen

Wie soll der Mittelstand auf die gegenwärtige Situation reagieren? Sofern nicht schon erfolgt, ist es notwendig, einen betrieblichen Pandemieplan zu erstellen oder den bestehenden Pandemieplan zu aktualisieren. Dabei müssen Unternehmer eine Reihe von Fragen klären, darunter:

 

  • Welche Geschäftsprozesse sind unentbehrlich und worauf kann das Unternehmen im Notfall verzichten?
  • Welche externen Dienstleister und Zulieferer sind besonders wichtig und wie lassen sie sich bei Bedarf ersetzen?
  • Wo muss das Unternehmen vorsorgen (beispielsweise durch eine Erhöhung der Lagerbestände, durch Vertragsanpassungen oder durch das Einholen behördlicher Sondergenehmigungen)?

Gestützt auf den Pandemieplan, die aktuellen Informationen und behördliche Vorgaben gilt es anschließend, die erforderlichen Schritte in die Wege zu leiten.

Finanzierungsmix auf Tragfähigkeit prüfen

Die Corona-Epidemie stellt kleine und mittlere Unternehmen nicht nur vor organisatorische und logistische Herausforderungen. Auch in finanzieller Hinsicht wird sie sich als Belastungsprobe erweisen. Darum ist es wichtig, dass Mittelständler rechtzeitig die Tragfähigkeit ihres Finanzierungsmixes überprüfen. Besonderes Augenmerk ist auf die Vermeidung von Liquiditätsengpässen zu richten. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass der Kreditmarkt, kommt es zu einer Finanzkrise, schnell austrocknen dürfte. Unter diesen Voraussetzungen sollten sich Unternehmer vornehmlich mit folgenden Finanzierungsinstrumenten auseinandersetzen:

 

  • Kredite und Darlehen: Es empfiehlt sich, Kontokorrentkredite bei verschiedenen Banken zu unterhalten. Damit verringern Unternehmen die Gefahr von Liquiditätsschwierigkeiten im Falle einer krisenbedingten Kreditkündigung. Vor dem Abschluss neuer Kredit- oder Darlehensverträge macht es Sinn, mehrere Offerten einzuholen, zumal die Hausbank oft nicht der günstigste Anbieter ist. Beim Vergleich der Kreditanbieter sind insbesondere die Sicherheitsforderungen zu beachten.
  • Factoring: In Krisenzeiten lassen sich Kunden mit der Zahlung lange Zeit. Durch Factoring lässt sich vermeiden, dass es deswegen zu einem Liquiditätsengpass kommt. Der Factoringanbieter übernimmt zudem das Risiko von Zahlungsausfällen.
  • Warenfinanzierung: Die Waren- oder Einkaufsfinanzierung dient ebenfalls der Vermeidung von Liquiditätsproblemen, denn sie verlängert das Zahlungsziel bei Wareneinkäufen um bis zu drei Monate.
  • Leasing: Gegenüber dem Kreditkauf schont das Leasing die flüssigen Mittel, da die Leasingraten bei kurzer und mittlerer Laufzeit geringer ausfallen als die Raten eines Kredits. Darüber hinaus bietet das Leasing steuerliche Vorteile, erfordert keine Sicherheiten und bewirkt wegen seiner Bilanzneutralität keine Verschlechterung des Ratings.
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