Stagflation im Anflug – oder kommt es doch nicht so schlimm?

Blick aus der Frauenkirche
1. März 2023

Die Komplexität der volkswirtschaftlichen Prognose zeigt sich wieder auffällig in den Schätzungen für das laufende Jahr. Unisono hatten die Ökonomen der Konjunkturentwicklung in Deutschland eine besorgniserregende Entwicklung vorhergesagt, die nun wohl unter dem Vorzeichen einer unerwarteten Erholung revidiert werden muss.

München Frauenkirche

Zwar warnt die Deutsche Bundesbank in ihrem aktuellen Ausblick vor einer konjunkturellen Eintrübung im ersten Halbjahr, dennoch soll sie 2024 und 2025 bereits wieder um 1,7 respektive 1,4 Prozent wachsen. Eine hohe Inflationierung gepaart mit steigenden Zinsen bedingt aber eine zurückgehende Konsumneigung, was die Erwartungen an das deutsche Bruttoinlandsprodukt wiederum schmelzen lässt – und in einer Stagflation münden könnte.

Dennoch soll auch im Gesamtjahr 2023 ein kleines Plus herauskommen, denn alle Hoffnungen liegen auf dem zweiten Halbjahr. Ausgemachte Sache scheint unter den zuvor skeptischen Ökonomen nun die Erwartung eines nachlassenden Inflationsdrucks, gefolgt von Erleichterungen auf der Zinsseite.

Weiterhin gibt es aber aufgrund einer schwer nachvollziehbaren Energiepolitik in Berlin Gefahren für den Standort Deutschland vor dem Hintergrund historisch hoher Strom- und Energiepreise. Im europäischen wie auch internationalen Vergleich befindet sich Deutschland an der Spitze der Preisdynamik, obwohl laut aktuellem Strommix die Quote der erneuerbaren Energien bereits die 50-Prozent-Marke überschritten hat. Da der Gasanteil nur bei vier bis sechs Prozent liegt, fragt man sich, warum es 2023 zu einem durchschnittlichen Anstieg der Strompreise von über 40 Prozent für Privathaushalte gekommen ist.

Entlastung wird nicht weitergereicht
Der europäische Gaspreis erreichte in der dritten Februarwoche ein 18-Monatstief und steht heute sogar niedriger als vor der Ukrainekrise. Es besteht also der Verdacht, dass Marktpreisanpassungen nach oben von den Versorgern sofort und ungedämpft nachvollzogen wurden, spürbare Entlastungen auf der Beschaffungsseite aber nicht in gleicher Weise an die Haushalte weitergegeben werden. Industrieseitig werden Großhandelspreise auf deutlich niedrigerem Niveau verhandelt, dennoch befinden sich auch diese auf historischen Höhen.

Der Konsument reagiert verständlicherweise mit Zurückhaltung und rückt hochpreisige Anschaffungen (z.B. Immobilien oder ein neues Auto) erst mal in die Zukunft. Die Befürchtungen in breiten Teilen der Bevölkerung sind verständlich und entstammen einer guten Tradition: „German Angst“, wie es im Angelsächsischen betitelt wird.

Folgerichtig sieht die Deutsche Bundesbank die Immobilienpreis-Entwicklung skeptisch und spricht von „Übertreibungen“ und „Überbewertungen“ der Liegenschaften in Deutschlands Städten. Sie beziffert diese auf immerhin auf 25 bis 40 Prozent, der Terminus „Blase“ ist in dem Zustandsbericht aber nicht gefallen. Die Bundesbank berichtet überdies, dass die Preise schon Ende vergangenen Jahres zu fallen begonnen hätten, an der Überbewertung habe das aber noch nicht viel geändert.

Aus dem Anbieter- wurde ein Käufermarkt
Ein gewichtiger Punkt resultiert mit dieser Einschätzung für die Bautätigkeit in Deutschland. Bei 70 Prozent höheren Gestehungskosten gegenüber 2019 gibt es schon heute große Schieflagen bei einigen Projektentwicklern, die sich in den letzten Jahren noch vermeintlich attraktive Lagen gesichert haben und nun vor einer um 300 Prozent teureren Refinanzierung stehen. Zwangsverkäufe und Versteigerungen dürften somit bald beobachtet werden. Fakt ist, dass der lange und ausgiebige Anbietermarkt der letzten zehn Jahre nun ganz klar zum Käufermarkt geworden ist.

Mit Blick auf die Ukraine-Invasion durch den russischen Aggressor muss konstatiert werden, dass weder westliche Waffenlieferungen noch üppige Sanktionspakete bislang eine entscheidende Wendung im Konflikt erzielt haben. Auch der prognostizierte Absturz der russischen Wirtschaftsleistung hat nicht stattgefunden, fand der Kreml für seine Rohstoffe doch dankbare Abnehmer jenseits der westlichen Allianz. Zwar ist die Verachtung der russischen Führung ein anerkannter politischer Modus, doch die über Umwege erhältlichen Rohstoffe mit Discount sind gerade im asiatischen und arabischen Teil der Welt sehr beliebt.

„Angst-Sparen“ wird weiter angeheizt
Insgesamt muss also erwartet werden, dass trotz massiver westlicher Unterstützung der Ukraine mit einer Verlängerung der kriegerischen Tätigkeiten zu rechnen ist, was den westlichen Industrien zwar üppige Rüstungsaufträge beschert, das Angst-Sparen der privaten Konsumenten aber weiter anheizt und für das allgemeine Wachstum eher schlechte als gute Nachrichten bereithält.

Dennoch, die starke Verteuerung von Konsumgütern hat noch nicht dazu geführt, Deutschland in eine Rezession zu stürzen. Im Jahr 2022 kam es beim Brutto-Inlandsprodukt sogar zu einem leichten Plus von 1,9 Prozent, was im Nachhinein niemand erwartet hatte. Angesichts einer leicht sinkenden Inflationsrate in Europa von 9,2 auf 8,5 Prozent im Januar kann, trotz momentaner Anstiegssignale, mittelfristig mit Zinssenkungen seitens der EZB gerechnet werden.

Allerdings hält die starke Teuerung aus dem Jahr 2022 noch einige Monate Nachlauf bereit, sodass nach einer erwarteten Zinsanhebung im März erst im Sommer mit den ersten Erleichterungen gerechnet werden kann, sofern auch die Energiepreise eine Dämpfung erfahren. Sicherlich ist es kein Verdienst der Notenbanken, wenn sich Rohstoffpreise an den Terminbörsen an die ökonomische Realität anpassen. Dennoch muss man den Währungshütern weltweit Respekt zollen, denn sie sind der stärksten Verteuerungswelle seit der Ölkrise in den 70er-Jahren mit einer konsequenten Zinsanhebungspolitik begegnet und konnten so relativ schnell eine leichte Kostendämpfung erwirken.

Milliarden-Verluste bei den Zentralbanken
Die expansive Geldpolitik und der permanente Kauf von Staatsanleihen zu Höchstkursen, dürfte einige Notenbanken zu Abschreibungen zwingen, die das Eigenkapital belasten. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat beispielsweise mit minus 132 Milliarden Franken den historisch höchsten Verlust durch Vermögens- und Währungsabschreibungen erzielt. Bei der EZB und der US-FED werden auch Verluste im dreistelligen Milliardenbereich erwartet, sie werden aber erst im März bekannt gemacht.

Mit Blick auf die wichtigsten Wirtschaftszonen der Welt ist es entscheidend, was neben Kern-Europa in Asien und Nordamerika passiert. In China dürfte mittlerweile die Spitze der Corona-Infektionswelle erreicht sein, die große Zeit der Lockdowns ist somit beendet. Hatte Apple noch zur Jahreswende mit extremen Lieferproblemen zu kämpfen, so sind diese nun in den Hintergrund gerückt. Die Lieferketten haben sich stabilisiert, etwas verzögert läuft noch die Container-Abfertigung in den Häfen.

Militärgüter stützen den Export
Die Milliardenzusagen an die Ukraine haben die NATO in einem noch nie da gewesenen Unterstützungsprogramm geeint und die vorhandenen Arsenale an Waffen zur Auslieferung an das überfallene Land bewegt. Das wird die Budgets für Rüstung in den meisten westlichen Staatshaushalten nach oben treiben, die bereits zugesagten 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die deutsche Bundeswehr sind erst der Anfang der militärischen Neuaufstellung.

Allein durch den Export von hochsensibler Verteidigungstechnologie dürfte das Bruttoinlandsprodukt hierzulande um 0,2 bis 0,4 Prozent ansteigen, dies wäre ein willkommener Ausgleich für die Ausfälle beim privaten Konsum, der noch unter der hohen Preisdynamik für den Lebensunterhalt leidet.

Auch wenn es in Berlin einen großen politischen Willen zur Entlastung privater Haushalte gibt und einige Pakete im Bereich Strom und Wärmeversorgung geschnürt worden sind, so rumort im Hintergrund dennoch der Verdacht, dass mittelfristig eine Erhöhung der Steuer- und Abgabenquote zu erwarten ist. Nicht zuletzt seit der Pandemie und dem Kriegsbeginn in der Ukraine kam es allein in Deutschland zu einer dramatischen Ausgabenerhöhung und temporärem Aussetzen des Schuldenlimits.

Einige Vertreter des Bundestags fordern deshalb schon lautstark unter dem Schlagwort „Lastenausgleich“ eine stärkere Beteiligung der privaten Haushalte. Somit ist aus heutiger Sicht nicht von der Hand zu weisen, dass nach Vollzug der Grundsteuerreform in 2025 de Facto eine Besteuerung des Vermögens in Deutschland immer wahrscheinlicher wird. Auch wenn die regierenden Parteien diese Pläne öffentlich noch lange nicht zugeben würden, seien sie an dieser Stelle schon einmal genannt.

Fazit: Mit sinkender Bautätigkeit und einem Rückgang des privaten Konsums lahmen derzeit zwei wichtige Komponenten der Wirtschaftsentwicklung. Dass der niedrige Euro die Exporttätigkeit ankurbelt, ist nicht von der Hand zu weisen, denn deutsche Hochtechnologie ist weltweit angesehen. Immerhin führt auch der energetische Umbau unserer sozialen Marktwirtschaft zu einer hohen Dynamik im Bereich erneuerbarer  Energien, Infrastruktur und Digitalisierung.

Elektromobilität ist kein Allheilmittel
Die deutsche Industrie hat die Zeichen der Zeit erkannt und sich relativ schnell an die neue ökonomische Wahrheit adaptiert. Es ist daher zu erwarten, dass die Investitionen in Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz, Wasserstoff und nachhaltige Energieerzeugung stark ansteigen dürften. Mittlerweile ist auch Konsens, dass die Elektromobilität alleine kein Allheilmittel zur Sicherung der Lebensqualität künftiger Generationen sein kann. Vielmehr erfordert es ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die Lebensbedingungen in allen Teilen der Welt so zu gestalten, dass eine Grundversorgung der Bevölkerung möglich ist. Diese erfordert zusätzliche Anstrengungen in Umweltschutz, Agrartechnik und Lebensmitteltechnologie.

Mit Blick auf diese wichtigen Themen, landet man unweigerlich bei der Erkenntnis, dass der Zinserhöhungszyklus, welcher im letzten Jahr begonnen hat, sich sehr schnell der ökonomischen Realität stellen wird. Die aktuell positive Entwicklung der Aktienkurse könnte ein Spiegelbild dieser Erwartungshaltung sein, denn trotz aller Unkenrufe haben wichtige Börsenbarometer in Europa ihre Erholungsentwicklung seit September dramatisch fortgesetzt.

Für übertriebenen Pessimismus gibt es auch im Hinblick auf stark sinkende Gaspreise keinen Grund, denn der Wegfall russischer Gaslieferungen hat Deutschland zu Alternativen gezwungen, die den Standort Deutschland auf mittelfristige Sicht sichern müssen. Auch wenn die höchste Dynamik nicht aus Europa zu erwarten ist, so sind die Schwellenländer auf gutem Wege, der Weltkonjunktur ein auskömmliches Wachstum von zwei bis drei Prozent zu bescheren.

 

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