Der Ausblick auf das Jahr 2023 – Schuldenkrise reloaded?

Blick aus der Frauenkirche
13. Dezember 2022

Deutschland geht mit vielen Unwägbarkeiten in ein neues Jahr. Noch nie waren die ökonomischen Unsicherheiten für Mitteleuropa so groß wie derzeit.

Frauenkirche München

Die russische Invasion in der Ukraine schafft neben dem großen humanitären Leid eine über lange Jahre obsolete Kriegssituation mit Auswirkungen für den gesamten Globus. Rohstoffe und Nahrungsmittel erlebten in 2022 die höchste Verteuerung seit über 50 Jahren, die Zins-Niedrigphase wurde abrupt beendet und die Gemeinschaftswährung Euro wertete gegenüber den wichtigsten Reservewährungen massiv ab.

Die durch diese Gemengelage erzeugte Inflation ist für deutsche Konsumenten neu und führt zu Anpassungen im Konsum- und Sparverhalten. Allein die Verteuerung von Lebens-, Heiz- und Stromkosten führen in Haushalten mit unteren bis durchschnittlichen Einkommen zum Erodieren der freien Budgets, die unteren Lohngruppen und vor allem Rentner drohen in dieser Welle komplett aus dem Konsumprozess außerhalb des Lebensnotwendigen auszuscheiden. Staatliche Transferleistungen zur Abfederung der sozialen Ungleichheiten führen Europa in eine nie dagewesene Neuverschuldung der öffentlichen Haushalte. Allein die Maßnahmen zur Sicherung der Versorgungslage bei Gas und Strom erfordern öffentliche Hilfspakete im Umfang von mehr als 250 Mrd. Euro.

Laut der gesetzlich seit 2009 verankerten Schuldenbremse, darf sich die Bundesrepublik seit 2016 jährlich um maximal 0,35 Prozent des BIP neu verschulden. Für die Bundesländer sollte jegliche Neuverschuldung ab 2020 sogar ausgeschlossen sein. Als Ausnahmefälle werden Naturkatastrophen und außergewöhnliche Notsituationen, wie z.B. eine Weltwirtschaftskrise deklariert. Die Corona-Pandemie oder die Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine fallen unter diesen Passus. Die europaweit höchste absolute Staatsverschuldung wies zur Jahresmitte 2022 Frankreich mit 2,97 Billionen Euro auf. Dicht darauf folgen Italien mit einer Verschuldung von 2,79 Billionen Euro und Deutschland mit 2,56 Billionen Euro. Die Schuldenquoten zum Brutto-Inlandsprodukt überstiegen in Italien die 150%-Grenze, in Griechenland beträgt sie wieder 189%. In Deutschland erhöhte sie sich besonders zwischen 2019 und 2022 von 54% auf aktuell 68%.

Im Umfeld einer der höchsten Teuerungen der letzten 25 Jahre hat die EZB im Oktober die Leitzinsen um weitere 75 Basispunkte angehoben. Die Anpassungen starteten im Juni mit etwas Verzögerung, was sich jetzt gegenüber den Maßnahmen der FED als nachteilig herausgestellt hat. Immerhin wertete der Euro gegenüber dem US-Dollar zwischen März und September um ganze 15% ab. Das verteuerte die Rohstoffimporte für den Euroraum enorm und entzog den hiesigen Konsumenten weitere Kaufkraft. Es muss daher nicht verwundern, dass die Konjunkturumfragen in den Keller gehen, sie folgen dieser verfehlten Anti-Inflationspolitik in strenger Analogie. Wegen der parallel anziehenden Kapitalmarkt- und Hypothekenzinsen dürften die Höchststände in der Immobilien-Preisentwicklung hinter uns liegen. Versicherer und andere Kapitalsammelstellen werden die neue Zinslandschaft für ihre Ansparmodelle aber wiederum begrüßen. Der Preis für Geld ist somit wieder installiert, was aus heutiger Sicht mit dem Begriff „Normalisierung“ versehen werden muss. Langfristig funktionieren Geld- und Warentauschsysteme nur bei positivem Realzins.

Die EZB hat es insgesamt nicht leicht, denn die gemeinsame Zins- und Währungspolitik muss vielen Interessen genügen. Leider kam es im ersten Halbjahr zu gravierenden Abstürzen bei den Anleihen der schwächsten Euro-Staaten Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Hätte die EZB sehr schnell an der Zinsschaube gedreht, wäre der europäische Markt für Staatsanleihen noch mehr runter Druck gekommen. Mit dem Ergebnis dieser Politik muss nun aber ganz Europa leben. Die Preisanstiege bei Lebensmitteln, Mieten und Energie haben sich manifestiert, sie werden auch auf absehbare Zeit nicht mehr signifikant sinken, vielleicht sogar weiter steigen. Damit setzt nun die sogenannte Lohn-Preis-Spirale ein, denn die Gewerkschaften werden sinkende Reallöhne bei galoppierender Inflation schlecht hinnehmen können. Somit verwundert es nicht, dass die IG Metall unter Einrechnung der Inflationsprämie um etwa 5,4% in 2023 und knapp 3,5% in 2024 wieder eine deutliche Marke gesetzt hat. Bei Preissteigerungsraten von über 10% im November bleiben die verhandelten Zuwächse aber unter dem erlittenen Kaufkraftverlust. Die Folge: Die Konsum-Nachfrage sinkt weiter, da respektive die Sparrate und die Ausgaben des täglichen Lebens stärker steigen als die Einkünfte. Die EZB erwartet den Höhepunkt des Preisanstiegs in Europa bis Anfang 2023. An dieser Stelle kann man nur hoffen, dass die volkswirtschaftlichen Prognosesysteme der Notenbank sich bewahrheiten werden.

In den USA und in China laufen die Zyklen asynchron zur europäischen Entwicklung. Durch die westliche Sanktionspolitik gegenüber Russland haben sich neue wirtschaftliche Beziehungen in Asien, Afrika und Südamerika etabliert, die die Wirkungsweise dieser Maßnahmen egalisiert und die Bürde der Kriegsfolgekosten auf Europa abwälzen. In diesem Szenario können die bekannten Rohstoff-Kontinente Australien, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika sich deutlich besser vom internationalen Krisen-Szenario absetzen und vermutlich kleinere Wachstumsraten zeigen. Der über Jahrzehnte existierende technologische Vorsprung Europas wird sich durch die sinkende Produktivität erheblich verringern. Einzig der schwache Euro sichert dem alten Kontinent eine kleine Stütze im Export, falls europäische Industrieprodukte unter Einrechnung stark erhöhter Inputkosten in naher Zukunft überhaupt zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden können.

Der seit langem bestehende Facharbeitermangel in Europa konnte mit der aktuellen Einwanderungspolitik nicht behoben werden. Im Gegenteil: Die starke Zuwanderung belastet die Volkswirtschaften mehr, als dass eine mittelfristig positiv erhoffte Wirkungsweise dies überkompensieren könnte. Die sinkende Wettbewerbsfähigkeit Europas ist somit der mangelnden politischen Umsetzungskraft in wichtigen Eckpunkten der Außen-, Industrie- und Energiepolitik geschuldet. Diese Tatbestände werden die Determinanten der weiteren Entwicklung Europas setzen, Brüssel ist als Weichensteller hier mehr denn je gefordert.

Die US-Notenbank FED wird deutlich vor der EZB ihren Zinsanhebungszyklus beenden. Mit offensiven Schuldenprogrammen zur Beseitigung der negativen Folgen der Inflation und Investitionen in Klimaschutz, Gesundheit und Infrastruktur, versucht die US-Administration das Ruder zugunsten qualitativen Wachstums herumzureißen. Trotz Schuldenvervielfachung in den letzten 20 Jahren hat der US-Dollar international an Stärke gewonnen. Das kennzeichnet den Status des Greenback als wichtigste Reserve-Währung. Die wachsende Verschuldung der Emerging Markets in USD-denominierten Anleihen könnte die Finanzsysteme allerdings vor große Herausforderungen stellen, falls das weltweite Zinsniveau weiter ansteigen sollte. Garant für ausreichend Liquidität war auch die ultra-offensive Geldpolitik der japanischen Notenbank, die durch Carry-Trades die internationale Verschuldung im Yen in ungeahnte Höhen trieb. Der Yen sollte sich in diesem Szenario nicht verteuern, da sich die Spannungen im Welt-Finanzsystem dadurch adhoc weiter erhöhen würden.

Fazit: Ausgehend von der Annahme, dass Deutschland in keinen Gasnotstand fällt -obwohl es dafür ab Februar 2023 eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt-, wird das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr inflationsbereinigt bestenfalls eine Nullrunde einlegen. Dieses sogenannte Stagflations-Szenario ergibt sich durch anhaltend hohe Preise, Anpassungsdruck auf der Kostenseite und nachlassende Produktivität. Die Aktienmärkte stehen für so ein solches Szenario aktuell etwas zu hoch, wobei die Kapitalmarktzinsen weiterhin dem Inflationsdruck folgen. Allerdings dürfte Hoffnung aufkeimen, dass die Notenbanken sich genötigt sehen, die Konjunktur ab Mitte 2023 über Stimulierungsmaßnahmen zu stützen. Eine Friedenslösung in der Ukraine wird für Europa neue politische Herausforderungen schaffen, denn Moskau wird hierfür die wichtigsten Determinanten festlegen. Auch sind die Langzeitwirkungen der Corona-Pandemie in den Ökonomien noch lange nicht verarbeitet. Aus den negativen Erfahrungen der Lieferketten-Thematik werden sich in den westlichen Ökonomien stärkere Lokalpräferenzen in der Beschaffung und der Produktion ausbilden. Die Weichenstellungen in der europäischen Energiepolitik führen zu stark veränderten Konsumgewohnheiten und machen die Neuansiedlung von energieintensiven Industriebetrieben unwahrscheinlich. Strukturell wird sich damit die Wettbewerbsfähigkeit Europas erheblich verringern und die Prosperität auf ein deutlich niedrigeres Maß zurückführen.

zinschart1Das Kreditgeschäft ist heute von vielen ökonomischen Wechselwirkungen beeinflusst. Ausreichende Liquidität ist zum Überlebens-Kriterium für Unternehmen geworden. Zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen benötigt es weiterhin sehr gute Ideen und kreative Lösungen in einem äußerst fragilen Umfeld. Gerade der Mittelstand ist nun aufgerufen, seine Vermögenswerte zu prüfen und alle Möglichkeiten der Liquiditätsbeschaffung noch rechtzeitig vor Eintritt der bilanziellen Belastungen einzuleiten. Nimmt die Zahl der Insolvenzen zu, verringert sich der Risikoappetit der Geldgeber schlagartig. Die mögliche Tür für eine Beleihung von Vermögensgegenständen könnte sich daher schneller als erwartet schließen.

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